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Und tatsächlich entschieden sich tausende religiös Bewegte aufgrund einer apokalyptisch-eschatologischen Weltuntergangsstimmung, teilweise verbunden mit mystischer Begeisterung für den Zaren als „Befreier Europas“ seit 1813, in das Zarenreich und vor allem dessen Süden zu übersiedeln, wo sie sich in Kolonien niederlassen durften.238 Den äußeren Anlaß für den Entschluß lieferte in vielen Fällen die wirtschaftliche Not, an der die Bevölkerung großer Gebiete Mitteleuropas als Folge des „Jahres ohne Sommer“ 1816 litt. Die Prophezeihung einer spezifisch heilsgeschichtlichen Aufgabe Rußlands wurde von seiten des Zarenreichs vor allem dadurch beantwortet, daß die Inhalte der Erweckungsbewegung, die von der offiziell zugelassenen britischen Bibelgesellschaft seit 1812 durch die Gründung eines russischen Ablegers unterstützt worden war, zur offiziösen Ideologie der zweiten Regierungshälfte Alexanders I. wurden.239 Eigentümlich einander überlagernde Einflüsse von Pietismus, Freimaurerei – in ihrer spezifisch russischen Ausprägung seit dem18. Jahrhundert der christlichen Mystik zugewandt240 – und Rosenkreuzertum zogen den Zaren nicht weniger in ihren Bann als seine Umgebung und mit dieser auch Speranskij.241 Einen Hinweis darauf, wie nah der Zar und die führenden Kreise Rußlands dem christlichen Mystizismus Savignys standen, bietet sicherlich die gut belegte Beschäftigung beider Seiten mitThomas a Kempis, den Speranskij sogar ins Russische mart i n ave nar i u s 77 Groh, Rußland im Blick Europas (1988), S. 137-143; O.Teigeler, Die Herrnhuter in Russland. Ziel, Umfang und Ertrag ihrer Aktivitäten (2006), S. 48 f.. 238 G. Stricker, Deutsches Kirchenwesen, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Rußland (1997), S. 323-418 (343 f.). 239 Vgl. D.Tschižewskij,Rußland zwischen Ost undWest.Russische Geistesgeschichte ii. 18. - 20. Jahrhundert (1961), S. 61. 240 Tschižewskij, Rußland zwischen Ost undWest (o. Fn. 239), S. 50-52. 241 Vgl. ausführlich R. Faggionato,Michail Speranskij e Aleksandr Golicyn: il riformismo rosacrociano nella Russia di Alessandro I, in:Rivista storica italiana 111(1999), S. 423-475; dies., From a Society of the Enlightened to the Enlightenment of Society: the Russian Bible Society and Rosicrucianism in the Age of Alexander I, in: Slavonic and East European Review79(2001), s. 459-487 (468-472);M. Raeff, Rezension von R. Faggionato, Un’utopia rosacrociana.Massoneria, rosacrocianesimo e illuminismo nella Russia settecentesca: Il circulo di N. I. Novikov (Archivio di storia della cultura 10 [1997], S. 11-276) sowie dies., Michail Speranskij (aaO.), in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 2 (2001), S. 434444; Dalton, Johannes Goßner (o. Fn.170),S. 249-252;Tomsinov, Speranskij (o. Fn. 4), S. 204 ff. undWalicki, History (o. Fn. 20), S. 74, der mit Rücksicht auf die sehr verschiedenen Einflüsse mit Recht von einer “curious mixture” spricht.

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