RB 44

48 mung der Vernunft unvereinbar. Keine Organismus-Analogie konnte die Tatsache verhehlen, dafi die kantianische Vernunft fremd vor den schöpferischen Kraftenstand, die den Lauf der Geschichte steuerten. Die Verhältnisse der organischen Bildung wurden in direkten Gegensatz zu der theoretischen Bestimmung des Stoffes durch die kritische Vernunft gesetzt. Die kantianische Vernunft hatte zwar eine Hypothese aufgestellt, die eine Relation zwischen den wissenschaftlichen Kategorien und der natiirlichen Absicht, dem anscheinend zufälligen Ziel fiir das menschliche Handeln, ermöglicht hätte, aber die Konsequenzen dieser Hypothese schreckten die Vernunft davon ab, weitere Versuche in diese Richtung zu unternehmen.’"*^ Der kantianische Ansatz zur Geschichtsphilosophie blieb deshalb unvollständig und empirisch. Kants nahezu resignierte Einstellung zu dem Problem der historischen Bildung, kamprägnant in der Rezension von J. G. Herders Schrift Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit zum Ausdruck, die er 1785 fiir die Jenaische Allgemeine Literaturzeitung verfafite: „Allein was soil man iiberhaupt von der Hypothese unsichtbarer, die Organisation bewirkender Kräfte, mithin von dem Anschlage, das, was man nicht begreift, aus demjenigen erklären zu wollen, was man noch weniger begreift, denken? Von jenemkönnen wir doch wenigstens die Gesetze durch Erfahrung kennen lernen, obgleich freilich die Ursachen derselben unerkannt bleiben; von diesem ist uns sogar alle Erfahrung benommen und was kann der Philosoph nun zur Rechtfertigung seines Vorgebens anfiihren als die blofie Verzweiflung, den Aufschlufi in irgendeiner Kenntnifi der Natur zu finden, und den abgedrungenen Entschlufi, sie imfruchtbaren Feld der Dichtungskraft zu suchen" Um den Gegensatz zwischen den beiden notwendigen Vernunftsstandpunkten, die nur zusammen die Natur der Erkenntnis konstituieren konnten, aufzulösen, war Kant, nach Schellings Auffassung, gezwungen, die theoretische Freiheit der Vernunft und die Freiheit der Geschichte — der Natur — auf verschiedenen Ebenen zu plazieren. Der kantianische Ansatz stellte an sich nur eine empirische Hypothese dar und konnte damit die Philosophie nicht mit einem Grund fiir wissenschaftliche Bearbeitung des historischen Stoffes versehen. Die von Kant angenommene nattirliche Einheit in der Geschichte „erklärt“, gemäfi Schelling, „keinen ersten Anfang und schiebt, wie jede empirische HyKant, Rezensionen vonJ. G. Herders Ideen zur Philosophte der Geschichte der Menschheit, S. 45. AaO. S. 49: „Nur eine Verwandtschaft unter ihnen, da entweder eine Gattung aus der anderen, und alle aus einer einzigen Originalgattung, oder etwa aus einem einzigen erzeugenden Mutterschofie entsprungen wären, wiirde auf Ideen fiihren, die aber so ungeheuer sind, dal? die Vernunft vor ihnen zuriickbebet . . AaO. S. 28: „die Erreichung . . .“. Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3 [„Geschichte"], Sp. 361 f. Zu Kants Kritik an Herders Geschichtsauffassung, siehe Historisches Wörterhuch der Philosophie, Bd. 3 [„Geschichtsphilosophie“], Sp. 419 ft., insbes. Sp. 422. Kant, aaO. S. 48 f. Vgl. S. 49 f.: „Aber die Einheit der organischen Kraft . . .“. 148 148

RkJQdWJsaXNoZXIy MjYyNDk=