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12 mufi mithin, nach dem Muster von Kopernikus, die Position angesichts des Objekts wechseln und sich dadurch von dem objektiven Pluralismus der Vielfältigkeit befreien. Die kopernikanische Wende in der Philosophie hatte weitgehende Konsequenzen fiir die Auffassung von der Natur der Vernunft. Die schulphilosophische Annahme, die bis dahin der Metaphysik zugrunde gelegt wurde und ihre Entwicklung zu wissenschaftlicher Form verhindert hatte, setzte voraus, dafi die Vernunft nur eine mangelnde Fähigkeit ausmachte, umErkenntnis iiber die apriorische Einheit der Dinge zu gewinnen. Gleich den Gefangenen, die in Platons Höhlengleichnis die ganze Zeit gezwungen werden, in eine Felswand, gefiillt mit den Schatten der Dinge, zu blicken, so ist die menschliche Vernunft, nach Kant, durch die strikten Grenzen ihres Auffassungsvermögens gebunden, und es ist ihr trotz wiederholter Versuche nicht gelungen, irgendeine Verbindung zwischen der sinnlichen und der iibersinnlichen Welt zu linden. Demnach mul? die dogmatische Erkenntnis in teils in sich zufällig empirische Erkenntnis und teils nur vorgegebene, objektbestimmte Sätze eingeteilt werden. ImGegensatz zu der fiir ewig unfreien Gefangenenschar des Höhlengleichnisses gab es fiir die menschliche Vernunft eine Möglichkeit aus ihremdogmatischen Schlummer zu erwachen, sich umzuwenden und damit eine Position einzunehmen, aus der heraus die Vernunft den notwendigen philosophischen Grund fiir ihr Erfahren der Dinge finden konnte. Das heliozentrische Weltbild, das Kopernikus konstruiert hatte, war genau das Resultat einer solchen bewufiten Änderung der Verhaltensweise des Erkenntnissubjekts gegentiber der Objektwelt: „Es ist hiermit ebenso als mit dem ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich umden Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe Hess. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Ubertragen auf den Bereich der philosophischen Reflexion beinhaltete dies, dafi die Vernunft, nachdemsie zunächst ein passives Mittel fiir den Ausdrucksbedarf der Objekte darstellte, dazu iiberging, das transzendente Wesen der Erkenntnis selbständig zu bestimmen. Nach Kants Auffassung zeigte die Geschichte der Wissenschaft, dafi allein die subjektiven Voraussetzungen der Vernunft fiir das Erfahren von Objekten ein fruchtbarer Ausgangspunkt fiir die wissenschaftliche Tätigkeit war. Umftir die Metaphysik eine bestimmte Form zu erzielen, und dadurch alle inneren Streitigkeiten und Gegensätze aufzulösen, kehrte Kant die Annahme des schulphilosophischen Dogmatismus um und wies der einheitschaffenden Kraft der Erkenntnis ihren Platz im Wesen der Vernunft zu: Kant, aaO. S. 21. « 17

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