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39 Stoffes zu formaler Einheitlichkeit gegriindet wurde, fiihrte dies zu einem statischen und toten Wissenschaftsbegriff: „eine Methodenlehre des akademischen Studiums nur aus der wirklichen und wahren Erkenntnifi des lebendigen Zusammenhangs aller Wissenschaften hervorgehen könne, daf? ohne diese jede Anweisung todt, geistlos, einseitig, selbst beschränkt seyn miisse. Vielleicht aber war diese Forderung nie dringender als zu der gegenwärtigen Zeit, wo sich alles in Wissenschaft und Kunst gewaltiger zur Einheit hinzudrängen scheint . . . Der Grund fiir die philosophische Einseitigkeit, die nach Schellings Auffassung die kantianische Vernunftskonzeption paralysierte, lag in der charakteristischen Unfähigkeit dieser Vernunft - „das analytische Wesen und der Formalismus“ einen Ausdruck fiir das Allgemeine in der einzelnen Vielfalt zu finden. Dieser Mangel an der einheitschaffenden Fähigkeit der blols kritischen Vernunft fiihrte zu einem, von dem kantianischen Standpunkt aus gesehen, unlösbaren äufieren Gegensatz in der Philosophie zwischen der Subjekterkenntnis in den reinen Vernunftswissenschaften und der Objekterkenntnis der positiven Wissenschaften. Die allgemeine einheitschaffende Kraft der Philosophie mufite stattdessen, um wahrhaft schöpferisch zu sein, eine Erkenntnisrelation zu der besonderen Qualität der realen Objekterkenntnis zu etablieren vermögen: „Die Realität iiberhaupt und die der Erkenntnifi insbesondere beruht weder allein auf demAllgemeinbegriff noch allein auf der Besonderheit; . . . sondern der in der Anschauung dargestellten Idee. Die Darstellung des Allgemeinen und Besondern in der Einheit, heifit iiberhaupt Construktion, die von der Demonstration wahrhaft nicht unterschieden ist. “118 “ 120 Diesen Anspruch konnte die reflexionsphilosophische Vernunft niemals erfiillen; die kantianische Vernunftskonzeption verblieb auf der Stufe der uniiberwindlichen Gegensätzlichkeit. Dies bedeutete, dafi die Tätigkeit der Vernunft auf ein formales Zusammenfiigen des Stoffes eingeschränkt wurde, direkt dem Ausdruck der freien Vernunft entgegengesetzt. Durch die kopernikanische Wende in der Philosophie war die dialektische Bewegung zwischen Allgemeinem und Besonderem, Idealem und Realemin der metaphysischen Erkenntnis ins Stocken geraten. Damit war auch der theoretische Grund fiir die materielle Bearbeitung des Stoffes - die Idee - aufgelöst worden. Schellings Kritik an Kants Aufteilung der Erkenntnis und deren Konsequenzen fur die wissenschaftliche Tätigkeit in der Rechtswissenschaft verdeutlicht, dafi es sich um zwei, diametral entgegengesetzte Auffassungen fiber den Charakter der Wissenschaft handelt. Die schellingsche Methodik griindet sich auf eine zielgerichtete, sytematisieAaO. S. 213. Siehe aaO. S. 248. Man bcachte die Formulierung der Uberschrift: „der reinen Vernunttwissenscbaften, der Mathematik und der Philosophie . . AaO. S. 252.

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